Schreibschrift ohne Versuchskaninchen

An vielen Schulen lernen Kinder keine Schreibschrift mehr! Die Welt am Sonntag stimmt heute in den Chor der Medien ein, die das beklagen. Matthias Heine hat auf einer ganzen Seite nicht nur die gängigen Vorurteile aufgelesen und ins übliche Einerseits-Andrerseits-Schema geordnet. Er hat neu recherchiert, von aktuellen Erkenntnissen in der New York Times berichtet und mit Ursula Bredel eine Professorin zu Wort kommen lassen, deren Skepsis gegenüber dem Grundschrift-Konzept bisher von den Medien weitgehend übergangen wurde. Weiterlesen

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Grundschrift schadet

„Der Grundschulverband schlägt vor, auf den Erwerb einer verbundenen Ausgangsschrift zu verzichten und rät zur Verwendung der Grundschrift, die es den Kindern erlaubt, Buchstabenformen und -kombinationen möglichst individuell zu gestalten. Dieser Vorschlag ist von der Forschung bislang nicht gedeckt. Und bisherige Untersuchungen zum Handschreiberwerb (exemplarisch Hasert 1998, Nottbusch 2008) geben Anlass zur Skepsis: Beim Handschreiberwerb bilden sich graphomotorische Bewegungsabläufe heraus, die systematisch über den Einzelbuchstaben hinausweisen.“ Aus einem Gutachten der Sprachwissenschaftlerin Ursula Bredel vor dem Landtag in NRW, abzurufen ist es hier

Und darum kann man sagen, die Grundschrift schade den Kindern? Ursula Bredel sagt das ja nicht so direkt. Sie äußert Skepsis gegenüber dem Verzicht auf eine verbundene Ausgangsschrift. Man kann diese Skepsis aber getrost in die folgende Warnung übersetzen: Wenn der Anfangsunterricht nicht dafür sorgt, dass die Kinder sich eine echte Schreibschrift aneignen, dann entgeht ihnen ein wesentlicher Vorteil der Schreibschrift, nämlich die Ausbildung von Bewegungsabläufen, in denen die Buchstaben häufig richtig geschriebener Silben oder Morpheme einander fließend und „wie von selbst“ folgen. Eine Quelle von Rechtschreibsicherheit, aus der wir schöpfen, wenn wir schreibend dem Gedächtnis unserer Hand vertrauen.

Das Problem ist die Vereinfachte Ausgangsschrift

Denn sie bereitet Kindern Lernschwierigkeiten. Eingeführt hat sie: Der Grundschulverband

In meinen ersten Jahren als Grundschullehrerin habe ich viel auf das gegeben, was mir im Studium begegnet ist. Ich hatte ja nichts anderes. Für den Schriftspracherwerb war das die damals noch neue Vereinfachte Ausgangsschrift (VA). Meine Hochschullehrer an der Universität Siegen, Hans Brügelmann und Erika Brinkmann, waren entschiedene VA-Befürworter. Sie wussten deren zahlreiche Vorteile überzeugend darzustellen. Ich glaubte ihnen. Weiterlesen

„Kinder können sich das Schreiben nicht selbst beibringen“

Eine neue einfache Schrift soll die bisherige Druckschrift und die Schreibschrift ersetzen. Die ersten Bundesländer beginnen bereits, diese Grundschrift einzuführen. Die Schreiblehrerin Ute Andresen ist entschieden gegen das Reformprojekt, weil es das Kulturgut Handschrift gefährdet – und Kindern elementare Lernprozesse vorenthält

Siehe dazu auch FAS über Abschaffung der Schreibschrift; und wieso Cornelia Funke, ihre Manuskripte erst mit der Hand schreibt.

Frau Andresen, an einigen Schulen in Deutschland erlernen Kinder eine neue, einfachere Schrift, die so genannte Grundschrift. Sie sind vehement dagegen. Warum?

Ute Andresen: Weil man uns vormacht, Kinder könnten sich die Grundschrift quasi allein beibringen. Und weil diese Schrift ein missratener Zwitter aus Druck- und Schreibschrift ist.

Es gäbe dann also nur noch eine Schrift, die Schulkinder lernen?

Was auf den ersten Blick wie eine Vereinfachung aussieht, hat in Wahrheit große Nachteile. Erstens erwerben Kinder so keine sichere Handschrift. Das wäre ein großer Verlust. Zweitens wissen wir nicht, was aus einer solchen Schrift im Laufe der Zeit eigentlich wird. Das bedeutet, ein unausgegorenes Reformprojekt setzt leichtfertig eine Kulturtechnik aufs Spiel – die Fähigkeit, eine allen gemeinsame lesbare Schrift zu schreiben. Weiterlesen

Grundschrift – die Presseschau

Das Hamburger Abendblatt berichtete 8/2011, dass Bildungsministerin Annette Schavan Bedenken gegen die Grundschrift hat. Schavan äußerte sich mehrfach kritisch gegen die Grundschrift. Unter anderem in der BILD-Zeitung, als sie sagte:

Gerade im Zeitalter von PC und iPad ist die Entwicklung einer persönlichen Schreibschrift etwas Kostbares.
Lesbar ist meine Handschrift bis heute. Und auch heute gratuliere ich nicht per SMS, sondern mit handgeschriebenen Briefen auf schönem Papier.

Die Kölner Internetzeitung griff die Berichte der FAS zur Grundschrift auf. Auch kleine Blätter wie die Berliner Umschau taten dies. Weiterlesen

Pro und Contra Grundschrift

Ute Andresen findet sie falsch, Hans Brügelmann will sie unbedingt einführen. Auf Spiegel Online haben sich die beiden über die neue Schrift in den Diskurs gestürzt. Ute Andresen meint,

„Wer Kinder mit der Grundschrift auf die Freiheit verpflichtet, sich Buchstaben und deren Verbindung weitgehend selbst beizubringen, macht sie zu Versuchskaninchen.“

Hans Brügelmann kontert: 

„Die Kinder lernen also dreimal hintereinander schreiben. Dem soll unsere Grundschrift abhelfen.“

Die taz, die Grundschrift, die Schreibschrift und ihr Ende

Ute Andresen hat bereits 2010 eine Artikelfolge in der tageszeitung, taz zu Grundschrift und Schreibschrift veröffentlicht.

Sie erkärte in einer zweiteiligen Folge die Bedeutung der Schreibschrift. Sie tat das hier und hier auf der Bildungsseite der taz, die tageszeitung.

Sie zeigte zudem, dass es bei einer Schrift eben nicht nur um die Schrift geht, sondern um die ökonomischen Interessen, die – vor allem für den Grundschulverband und seine Macher – damit verbunden sind. Darüber hat Andresen nochmal geschrieben: Wer profitiert wirklich von der neuen Schrift.