Vom Fußball schreiben lernen

Was sollten die erreichen wollen, die für den Schrifterwerb von Kindern verantwortlich sind? Erreichen für die Kinder, die vor ihnen sitzen und unbeholfen mit dem Stift hantieren? Buben, deren Buchstaben so ungenau missraten, dass man die Bildchen neben ihren Wortversuchen braucht, um zu erraten, welche Buchstaben sie meinen? Jungen, denen das reicht? Nette Kerlchen, die Anstrengung und Übung für die Handschrift verweigern möchten? Danach wurde ich gefragt, als ich in einem Seminar für LehrerInnen der Grundschule erklärte, dass gründliche Übung. – „Frag Jogi Löw!“, entfuhr es mir. Verblüffte Stille, in der spürbar war, dass die fragenden Frauen sofort ahnten, was ich ihnen nun erklärte.

„Der Trainer beobachtet die Fußballer, schaut, was sie richtig und was sie falsch machen, was sie schon gut können und was noch nicht. Er weiß, was sie am Ende, wenn es ernst wird und sie ums Gewinnen spielen, können müssen, und zwar so sicher und selbstverständlich, dass sie nicht mehr darüber nachdenken, dass es automatisch kommt.

Er sagt ihnen,
was sie trainieren müssen,
weil es ihnen nicht geläufig ist,
weil es ihnen schwer fällt,
weil sie dazu keine Lust haben.

Das ist natürlich lästig, aber auch die besten Fußballer üben das, genau das, weil Jogi Löw sie nicht auslässt, bevor sie es können. Dann sind sie erschöpft, aber froh. Und bald läuft das wie von selbst und sie tun es gerne, weil es so gut läuft. So ähnlich ist es auch beim Schreibenlernen. Wenn man es so trainiert, kann man sich eines Tages der eigenen Schrift so sicher bedienen wie der eigenen Stimme und sich ganz auf den großen Zusammenhang konzentrieren, auf das große Spiel der Gedanken, die man zu Papier bringen will.“

So könnte man Kinder überzeugen und vielleicht auch beim Elternabend die Bubeneltern bewegen, Schönschreiben nicht nur für Mädchenkram zu halten, wenn sie doch auch anerkennen, dass Schönspiel im Fußball toll ist und entsprechendes Training voraussetzt. Alle Kinder in der Grundschule hätten lieber eine schöne und sichere, als eine unsichere und krakelige Handschrift, so lange sie noch nicht resigniert haben. Aber man muss ihnen die nötige Übung abverlangen, auch wenn man ihnen damit lästig ist.

Jetzt wären Schriftproben von Fußballern hilfreich, begleitet von Seufzern wie: „Das hab ich ordentlich üben müssen!“ „Ich hatte eine strenge Lehrerin.“ „So schön wie meine Lehrerin wollte ich auch schreiben können.“ Aber so direkt muss das Vorbild wohl auch nicht sein, wenn man erklärt bekommt, dass es beim Fußball wie beim Schreiben zu einem guten Teil auf bis zur Automatisierung trainierte motorische Abläufe ankommt.

Aber Lukas Podolski würde ich gerne in Dienst nehmen, um eine gute, sinnvolle Stifthaltung populär zu machen. Auf einem Zeitungsfoto war zu sehen, wie vorbildlich er seinen Füller hält, wenn er Autogramme gibt. Nachahmenswert!

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Handschrift, die eigene Stimme (1)

Wir können den Kindern, die täglich zu uns in die Schule kommen, keinen großen Erfolg für ihr Leben versprechen. Viele, die im ersten Schuljahr voller Hoffnung vor uns sitzen, werden sich in einfachsten Lebensumständen bescheiden müssen, keine große Rolle spielen, nicht gehört werden, wenn über sie entschieden werden soll.

Trotzdem können sie eine eigene Stimme entwickeln, mit der sie von sich selbst, ihren Erfahrungen und Gedanken sprechen, mit eigener Hand auf Papier, auch später noch zeugend von Menschen, die schreibend sich ihrer selbst vergewissert haben.

Um so zu schreiben, braucht man Selbstvertrauen, Mut und eine Handschrift, die mühelos auf’s Papier fließt. Und damit alle Kinder, auch die verzagten und armseligen, so zu schreiben lernen, gibt es die Grundschule. Diesen Gedanken sollten wir über all unserer Kompetenzorientierung nicht aus Auge und Herz verlieren.
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Schnörkellos oder mit Schreibschrift

Schnörkellos ins Leben“ schrieb der Tagesspiegel am 1. Juli und fasst darunter Wichtiges zur Debatte über die richtige Lernschrift für Schulanfänger zusammen. Adelheid Müller-Lissner hat gründlicher recherchiert, als viele andere Journalisten bisher. Sie zitiert Guido Nottbusch (Professor in Potsdam), der meint, es würde die meisten Kinder nicht motorisch überfordern, Druckschrift und nachfolgend Schreibschrift zu lernen. Sie zitiert Ursula Bredel (Professorin in Hildesheim), die anführt:

„… die verbundene Schrift erlaubt es den Kindern, schreibmotorische Bewegungen auszuführen, die sprachlich bedeutsamen Einheiten entsprechen.“

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