Schreibschrift ohne Versuchskaninchen

An vielen Schulen lernen Kinder keine Schreibschrift mehr! Die Welt am Sonntag stimmt heute in den Chor der Medien ein, die das beklagen. Matthias Heine hat auf einer ganzen Seite nicht nur die gängigen Vorurteile aufgelesen und ins übliche Einerseits-Andrerseits-Schema geordnet. Er hat neu recherchiert, von aktuellen Erkenntnissen in der New York Times berichtet und mit Ursula Bredel eine Professorin zu Wort kommen lassen, deren Skepsis gegenüber dem Grundschrift-Konzept bisher von den Medien weitgehend übergangen wurde.

Bredel, Germanistikprofessorin in Hildesheim, stellt heute unmissverständlich fest:

„Vor der Einführung der Grundschrift im Schulunterricht wäre ein wissenschaftlich gut begleitetes Pilotprojekt wünschenswert gewesen, mit Kontroll- und Experimentalgruppen, bei denen man testet, wie sich die Schreibkompetenz über einen längeren Zeitraum entwickelt. Die Auswirkungen kann man nicht durch kurzfristige Beobachtungen feststellen, sondern nur über mehrere Jahre. Das ist nicht passiert. Stattdessen wird das Experiment ohne fundierte Kenntnisse des Prozesses am lebenden Subjekt durchgeführt.“

Da legt sie den Finger in die Wunde! – Aber darf man so ein Forschungskonzept wirklich realisieren? Mit gutem Gewissen? Das muss man entschieden bezweifeln! Eltern wollen nicht, dass ihre Kinder als Versuchskaninchen herhalten müssen. Wer Kinder liebt, wird sie auf keinen Fall bewusst dem Risiko aussetzen mögen, vier Grundschuljahre lang eine vielleicht unzulängliche Schrift einzuüben. Die ließe sich ja später nur mit einem Riesenaufwand überwinden, würde darum wahrscheinlich beibehalten und als Einschränkung, gar Behinderung mitgeschleppt.

Es gibt auch längst alle nur möglichen Varianten des Handschrifterwerbs irgendwo in Deutschland. Wenn man die aufsucht, analysiert und vergleicht, wird man genug Einsichten in Schreiblernprozesse finden, um verantwortungsbewusst zu entscheiden, was Kinder brauchen, um zuverlässig und ohne unnötigen Aufwand eine geläufige und lesbare Handschrift zu entwickeln.

Ein Muster für solche Untersuchungen hat Schulze Brüning mit ihrer Analyse von mehr als tausend Handschriften von SekundarschülerInnen geliefert. Praxisforschung ohne Risiko, aus der sich ableiten lässt, warum die VA in die Sackgasse geführt hat und wie missratene VA-Handschriften verbessert werden können. Und auch Bredel hat längst Argumente dafür gefunden, Kindern das Erlernen einer echten Schreibschrift (LA oder SAS) zu ermöglichen, statt sie auf die Grundschrift zu beschränken.

Genau besehen könnten wir uns auch großangelegte Forschung mit Kindern in Deutschland sparen, wenn unsere Schriftreformer sich endlich in der internationalen Schrift-Forschungsszene umsähen und sich dort am Buffet der Evidenzen und Argumente bedienten. Aber bitte nicht nur picken, was grad mal mundet! Dann würden die Grundschriftler vielleicht auch merken, dass ihr Konzept anders abgeschmeckt ist als die Basisschrift in der Schweiz. Basisschriftler und Grundschriftler nutzen zwar dieselben Werbeformeln, aber sie vertreiben damit stark unterschiedliche Kost. Merkwürdig!

Merke außerdem: Es ist ein Zeichen von Schwäche, wenn ProfessorInnen, statt sich in Diskussionen auf unbequeme Argumente einzulassen, diese abschmettern: „Ich kenne keine Studien, die dafür sprechen.“  Solch Imponiergehabe lasse man an sich abgleiten. Neulich hat jemand kühn „Ich aber!“ gesagt. Und dann fehlte in der Sendung die Zeit  und vielleicht auch der Mumm, einen Beleg  dafür zu erfragen. Es gab auch gar keine „Studien“, aber umfangreiche, durchdachte Erfahrung mit lernenden Kindern.

 

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