„Kinder können sich das Schreiben nicht selbst beibringen“

Eine neue einfache Schrift soll die bisherige Druckschrift und die Schreibschrift ersetzen. Die ersten Bundesländer beginnen bereits, diese Grundschrift einzuführen. Die Schreiblehrerin Ute Andresen ist entschieden gegen das Reformprojekt, weil es das Kulturgut Handschrift gefährdet – und Kindern elementare Lernprozesse vorenthält

Siehe dazu auch FAS über Abschaffung der Schreibschrift; und wieso Cornelia Funke, ihre Manuskripte erst mit der Hand schreibt.

Frau Andresen, an einigen Schulen in Deutschland erlernen Kinder eine neue, einfachere Schrift, die so genannte Grundschrift. Sie sind vehement dagegen. Warum?

Ute Andresen: Weil man uns vormacht, Kinder könnten sich die Grundschrift quasi allein beibringen. Und weil diese Schrift ein missratener Zwitter aus Druck- und Schreibschrift ist.

Es gäbe dann also nur noch eine Schrift, die Schulkinder lernen?

Was auf den ersten Blick wie eine Vereinfachung aussieht, hat in Wahrheit große Nachteile. Erstens erwerben Kinder so keine sichere Handschrift. Das wäre ein großer Verlust. Zweitens wissen wir nicht, was aus einer solchen Schrift im Laufe der Zeit eigentlich wird. Das bedeutet, ein unausgegorenes Reformprojekt setzt leichtfertig eine Kulturtechnik aufs Spiel – die Fähigkeit, eine allen gemeinsame lesbare Schrift zu schreiben.

Eine Schrift, die ein bisschen gebunden ist, das ist schwer vorstellbar. Wie wird sie gelehrt?

Die Grundschrift ist eine Druckschrift, bei der hin und wieder kleine Häkchen auftauchen, die so etwas wie Verbindung suggerieren. In den Handreichungen zur Grundschrift wird den Kindern ganz bewusst freigestellt, ob und wie sie Buchstaben verbinden wollen. Es gibt nur Vorschläge, aber kein verpflichtendes Einüben der besten Lösung. Das ist unpädagogisch – Kinder können sich das Schreiben nicht selbst beibringen.

Entwickelt nicht ohnehin jeder seine eigene Handschrift?

Ja, aber erst später aus einer verbundenen schönen Schreibschrift heraus, die immer schneller und flüssiger geschrieben wird. Wird’s zu schnell und unleserlich, bremst man sich selber und schreibt deutlicher. Weil man die Schreibschrift gut zu schreiben gelernt hat, besitzt man so etwas wie eine eingebaute Selbstkritik: Jemand anderes soll das noch lesen können. Das zu lernen ist mühsam, aber lohnend.

Die andere Schrift, die wir benutzen, die Druckschrift, ist doch auch gut lesbar.

Ja, das ist die besondere Funktion der Druckschrift, sie ist eine Auszeichnungsschrift. Das heißt, man kann mit ihr zum Beispiel eine Adresse gut lesbar schreiben, also eigentlich: drucken. Das geht aber langsam, zu langsam für anspruchsvollere Denk- und Schreibprozesse. Für die gibt es die schnelle elegante Schreibschrift. Und die soll nun verschwinden zugunsten der Grundschrift.

Was sind die Argumente der Befürworter der Grundschrift?

Sie finden das Erlernen zweier verschiedener Schriften zu kompliziert. In meinen Augen setzt der Grundschulverband, der die neue Schrift erfunden hat, auf die Verantwortungsblindheit vieler Lehrerkollegen, denen ein guter Schreibunterricht einfach zu aufwendig ist.

Was Sie sagen, klingt ein bisschen wie Kulturkampf. Dabei proben gerade mal ein paar Hundert Schulen das Konzept.

Man darf das nicht unterschätzen! Wir haben das bei der Rechtschreibreform und beim Turbo-Gymnasium erlebt: Schlecht vorbereitete Reformen können viel kaputt machen. In Hamburg verbreitet sich die Grundschrift bereits seit 2011. Für die betroffenen Kinder ist das unumkehrbar.

Aber es gibt ja einen plausiblen Anlass für die Reform: das große Durcheinander. Auch beim Schreibenlernen ist Deutschland ein Flickenteppich.

Stimmt, jetzt schon drei Ausgangsschriften, und nun eine vierte! – Der Anlass für die Reform sind die miserablen Handschriften der Schulkinder. Sie sind Resultat eines Mangels an Anleitung und Übung, den die Vereinfachte Ausgangsschrift mit sich brachte. Sie ist eigentlich gar keine Schreibschrift, anders als die Lateinische Ausgangsschrift, die sie ablösen sollte. Das war bereits ein Vereinfachungsprojekt des Grundschulverbandes – durchgesetzt mit schlimmen Nebenwirkungen.

Welche Schrift würden Sie empfehlen?

Die Schulausgangsschrift, die in der DDR gelehrt wurde und heute noch verbreitet ist. Sie wäre die beste Schrift für Kinder heute, eine schöne verbundene Schreibschrift.

Der Grundschulverband, der bundesweit allen Grundschullehrern die neue Schrift empfiehlt, sagt aber, die Grundschrift sei auch eine Schreibschrift.

Das ist falsch. Die Grundschrift ist eine modulare Schrift, das bedeutet die Buchstaben werden nebeneinander gesetzt. Sie ist wie jede andere Druckschrift nicht beliebig zu beschleunigen. Verbundene Schriften – also echte Schreibschriften – sind so entworfen, dass sie Beschleunigung verdauen können und trotzdem lesbar bleiben. Das ist die historische Idee der verbundenen Schreibschrift – mit ihr können wir zügig und leserlich anspruchsvolle Texte schreiben.

Und mit der Grundschrift geht das nicht?

Man weiß über die Effekte der neuen Schrift noch fast nichts. Was man auf jeden Fall weiß, ist dass eine modulare Schrift sich unkontrollierbar verändert in dem Moment, wo ich sie schneller schreibe oder die Buchstaben verbinde, wie ich will.

Das ist halt dann das Pech jedes einzelnen, wenn man ihn nicht mehr lesen kann.

So zu denken ist verantwortungslos. Schrift ist ein Verständigungsmittel für alle, übrigens auch ein Mittel der Selbstverständigung.

Was meinen Sie damit?

Schrift ist ein Kulturgut. Und wenn Kinder schreiben lernen, gehen sie mit einem heiligen Ernst an die Sache heran. Buchstaben haben eine magische Bedeutung für sie. Meine Enkelin bestand gerade darauf, ein Buch aus meinen Regalen mitzunehmen. Ein Buch ohne Bilder sollte es sein – obwohl sie noch gar nicht richtig lesen kann. Sie hatte den Anspruch, damit gleichberechtigter Teil der Schriftkultur zu werden.

Das hat sie gesagt?

Nein, aber genau dieser Impuls steckte darin. ‚Ich will auch über die geheimen Zeichen verfügen, die deine Bücher enthalten.’ Für Kinder ist die Beherrschung der Schrift ein großer Moment der Welteroberung. Sie beginnt, wenn ich mit eigener Hand zu schreiben lerne. Und zwar so, dass das auch gut aussieht. Das ist mein Eintritt in die Schriftkultur. Mein erster bewusster Lernvorgang, der mich an einer Kultur teilhaben lässt. Und es ist zugleich meine ganz eigene Schrift. Etwas Großartiges.

Ich höre eher eine große Wehklage über unleserliche Krakeleien.

Das ist der Verlust, von dem ich spreche. Er findet bereits jetzt statt, weil der Schreibunterricht ausgezehrt wird und gehetzt stattfindet. Mit einer ins Belieben jedes einzelnen Schülers gesetzten Grundschrift wird dieser Verlust noch größer werden. Dabei sollten alle Kinder, die in die Schule kommen, etwas Wunderbares erleben: dass sie 53 Mal, also bei jedem Buchstaben, erfahren: Da ist ein Kunststückchen, ich konnte es nicht. Aber ich habe mich darum bemüht und meine Lehrerin hat es mir gezeigt. – Eine Selbstwirksamkeitserfahrung allererster Güte.

Es gibt Leute, die sagen: Schönschreiben gehört in den Kunstunterricht. Als funktionaler Lernvorgang ist es für viele eine Qual gewesen.

Es geht in solchen schlimmen Fällen oft darum, dass ein Linkshänder umgedreht wurde. Oder dass jemand schlechten Unterricht bei einem zwanghaften Lehrer hatte. Schreiben muss keine Pein sein.

Für viele war es aber eine Qual.

Dem entkommen wir nicht dadurch, dass wir die Ansprüche an die Handschrift herabsetzen, um den Kindern Frustrationen zu ersparen. In einem so systematischen wie freundlichen Schreibunterricht entdecken sie, wie ihre Anstrengung sich lohnt. Uns sagt die Hirnforschung, dass dabei komplexe Lernprozesse stattfinden, die weit über die eigentliche Schriftproduktion hinausgehen. Kinder formen, verbinden und automatisieren Buchstaben zunächst. Wenn ihre Schreibbewegungen rhythmisch und mit immer weniger kognitivem Aufwand gelingen, können sie alle Aufmerksamkeit der Rechtschreibung und dem Text widmen. Das ist Schreiben: seine Gedanken fließen lassen – und sie gleichzeitig zügeln. Dabei entsteht eine Verdichtung, die bei vielen Kindern zauberhafte Texte hervorbringt. Die Denkprozesse, die mit solchem Schreiben lernen verbunden sind, erweitern ihre mentale Kapazität.

Wir haben auch die Sütterlin-Schrift abgeschafft, ohne dass die Welt unterging.

Aber wir haben dafür einen hohen Preis bezahlt. Ganz viel von dem, was uns überliefert ist, können wir gar nicht mehr im Original lesen. Etwa die Briefe der Uroma, die in Sütterlin abgefasst sind. Ich glaube, dass das neuerliche Vereinfachen der Schrift die Gefahr des Kulturbruchs verschärfen wird – wir verlernen das Schreiben.

Und wir brauchen es ja objektiv weniger oft!

Grad deswegen ist Handschreibenüben essenziell. Eine Idee, die mich fasziniert: Du musst einen Kassiber schreiben können, falls du eingesperrt bist. Du musst in kleiner, gut lesbarer Schrift nach draußen durchstechen können, was mit dir und in Dir vorgeht.

Ist das nicht ein etwas abwegiges Beispiel, um den Schreibunterricht für Millionen von Schülern zu reformieren?

Es macht klar: Man braucht nur einen Zettel und einen Stift, um sich schreibend mitzuteilen. Manchmal hat man nicht mal das. In Köln kann man in Kellerzellen einer Gestapo-Zentrale heute noch lesen, was Gefangene uns dort an den Wänden hinterlassen haben, geschrieben mit Kohle, Kreide oder gar Lippenstift, eingeritzt mit Nägeln, notfalls den Fingernägeln. Was bedeutet das alles? – Handschriftliches überdauert. Und es hat eine besondere emotionale Qualität. Das ist der Grund, warum wir uns auf einen handschriftlichen Text anders einlassen müssen, als auf einen maschinenschriftlichen.

Frau Andresen, das klingt, als schlügen sie eine letzte vergebliche Schlacht. Wozu braucht man noch eine gebundene Handschrift, wenn Computer und Smartfones unseren Umgang mit Schrift sowieso revolutionieren?

Wir sind in der schwierigen Situation, wo uns klar wird, dass wir heute beides brauchen. Und dass beides in der Schule gelehrt werden muss. Weil Eltern diese Kompetenzen praktisch nicht vermitteln können: den Tabletcomputer, damit unsere Kinder sich sicher in der digitalen Welt zurechtfinden; und vorher sehr gründlich eine Handschrift, die Teil ihrer Identität und unserer Kultur und Kommunikation ist. Die Erfahrung zeigt: Dazu brauchen wir sehr gute Lehrer!

Warum?

Ich sage immer: Mein Bleistift kann nicht abstürzen, meine Handschrift kann nicht gehackt werden. Wir müssen uns bewusster denn je um unsere Handschrift bemühen. Ihre Übung ergibt sich im Computerzeitalter nicht mehr nebenbei. Was tun wir Kindern an, wenn wir ihre Handschrift nicht gut entwickeln? Wenn wir sie also zwingen, täglich etwas Geschriebenes aus der Hand zu geben, für das sie sich schämen. So viele Menschen schämen sich für ihre Handschrift. Stellen Sie sich vor, was es bedeutet, so zu zeigen: Ja, das ist meine Schrift, so bin ich. Und wie bewundern wir einen schön und souverän geschriebenen Brief!

Sind sie sicher, dass die Post Ihre handgeschriebenen Briefe noch lange transportieren wird?

Ja, bin ich. Wir dürfen das Handschreiben nicht aufgeben, aus vielen Gründen nicht. Die Schreibschrift ist nicht überflüssig. Ich habe gerade die berührende Geschichte eines jungen Mannes erleben dürfen, der sich an mich wandte, weil er als Student seine Schrift scheußlich fand und auch nicht mehr entziffern konnte. Er hat mir Schriftproben gemailt. Ich habe ihm Aufgaben gegeben und empfohlen, Tagebuch zu schreiben. Jetzt hat er sich mit einem handgeschriebenen Brief bedankt, und ich weiss nicht genau, worauf er mehr stolz ist: Dass man ihn lesen kann? Oder dass er nun eine eigene unverwechselbare Handschrift besitzt, mit der er sich identifiziert und mit der seine Selbstachtung gewachsen ist.

Kann der Staat eine Schrift vorschreiben?

Er muss es tun! Die Wahl einer Schrift darf nicht der Entscheidung des einzelnen Lehrers oder der einzelnen Schule überlassen bleiben. Die Entwicklung der letzten 50 Jahre zeigt: Unverbindlichkeit in diesem Punkt ist fahrlässig. Im Moment regiert sie in fast allen Bundesländern. Die Konferenz der Kultusminister hält sich raus. Man überlässt den einzelnen Ländern und Schulen. Und jetzt sollen die Kinder es alleine richten.

Sie rufen den Staat auf, dass er die Schulausgangsschrift der DDR zur Rettung der Kultur einführt. Ob das wohl Anklang findet?

Ich möchte das wie viele andere Experten, weil es eine schöne schlichte Schreibschrift ist. Aber mir geht es vor allem darum, dass der Schrifterwerb nicht autodidaktisch erfolgt. Alle Kinder eine gute Ausgangsschrift zu lehren ist die grundlegende Aufgabe der Schule. Wenn man die Kinder damit allein lässt, dann scheitern sehr viele, das ist der Offenbarungseid der Schule.

Und sie wollen einfach zurück. Der Lehrer soll die Schrift wieder vorschreiben.

Ich will in der Tat nicht, dass die Lehrerin beim Schreibenlernen nur Vorschläge macht und moderiert. Wozu ist sie denn Lehrerin! Wir müssen unterscheiden zwischen Lernprozessen, die individuell eigenaktiv funktionieren und anderen, die so nicht funktionieren. Klavier oder Tennis spielen lernt man auch besser nicht autodidaktisch. Man kommt damit nicht sehr weit, weil man sich Falsches aneignet, das man nie wieder los wird.

Etwas jemanden lernen zu lassen, bedeutet aber auch den einzelnen zu ermächtigen.

Wir dürfen die Augen nicht davor verschließen, dass das eigenaktive Lernen nur dann funktioniert, wenn jemand die Voraussetzungen dafür hat. Wir kriegen aber eine Menge Kinder in die Schule, die haben diese Voraussetzungen nicht, und sie wachsen ihnen auch dort nicht von alleine zu.

Das heißt, die Grundschrift ist keine demokratische Errungenschaft, sondern eine Gefahr für die Emanzipation?

Ich fürchte sogar, die Grundschrift könnte Analphabetismus fördern. Mit der Schreibschrift, die ganz am Anfang der Schulzeit steht, habe ich als Lehrerin einen Lerngegenstand, mit dem ich aktiv sozialen Ausgleich betreiben kann. Wenn ich ins Handschreiben einführe, dann sind alle Kinder gleich berechtigt. Jedes Kind kann erleben, wie schön und stärkend es ist, schreiben zu lernen. Keines wird zurück gelassen, weil ich dafür sorge, dass alle mitkommen. Alle Kinder, auch die, die zuhause kein Deutsch lernen, erleben: Ich gehöre hierher und diese Schriftsprache gehört mir, die kann mir niemand mehr wegnehmen. Überlasse ich das Schreibenlernen dem eigenaktiven Lernen der Kinder, verstärke ich soziale Unterschiede.

Letzte Frage: Wenn das alles stimmt, warum ist der Grundschulverband so versessen darauf, so etwas auszuhecken? Und wieso geht niemand dagegen auf die Barrikaden?

Es geht meines Erachtens um die Verteidigung eines bestimmten Konzeptes für den Schriftspracherwerb mit all den Pfründen und Tantiemen, die da dran hängen. Neue Schrift heißt neue Lehrbücher, neue Übungshefte, Fortbildungen und und und. Im Kern geht es um eine Ideologie des Lernens. Kinder sollen sich nun auch die Schrift eigenaktiv aneignen. Für die Lehrer wäre das natürlich bequem. Für die Kinder ist es aber eine Überforderung. Ich bin übrigens zuversichtlich, dass der Protest sich diesmal schneller durchsetzt als bei der Rechtschreibreform. Da hat es ungefähr 20 Jahre gedauert, bis man merkte, das geht ja so gar nicht.

(Langfassung eines Interviews aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 11. Mai 2014. Interview Christian Füller)

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5 Gedanken zu „„Kinder können sich das Schreiben nicht selbst beibringen“

  1. „Kinder können sich Schreiben nicht selbst beibringen“ in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 11.05.2014

    Das Interview mit Ute Andresen bringt es auf den Punkt: Grundschrift ist nur Druckschrift, keine Schreibschrift. Aus der Druckschrift durch einfache Verbindungsstriche eine Schreibschrift zu machen, daran ist schon die sogenannte Vereinfachte Ausgangsschrift gescheitert. Begleitende wissenschaftliche Untersuchungen hat es bei der Einführung der VA nicht gegeben. Nach 30 Jahren kommt eine empirische Untersuchung zu den Auswirkungen dieser neuen Schrift (vgl. DDS 4/11) zu dem niederschmetternden Ergebnis, dass jedes sechste Kind massive Schriftprobleme hat und dadurch schulisch benachteiligt ist. Der Grundschulverband, der seinerzeit die VA propagierte, hat aus diesem Misserfolg nichts gelernt, sondern ruft nun abermals zu einem Experiment mit Schutzbefohlenen auf, das zum Ziel hat, den Misserfolg des ersten Experiments (Einführung der VA) durch einen weiteren beherzten Schritt in die falsche Richtung (Einführung der Grundschrift) zu korrigieren!

  2. Uff, das ist aber eine starke Meinung.
    Ich widerspreche da in fast allen Punkten!
    Ich bin Jahrgang 1988 und werde ab dem nächsten Schuljahr als Grundschullehrerin (bis 6. Klasse, Berlin/Brandenburg) arbeiten, u.a. als Deutschlehrerin. Dabei werde ich auf gar keinen Fall die Schulausgangsschrift auf Biegen und Brechen durchsetzen. Das steht weder im Rahmenlehrplan noch in den Bildungsstandards der KMK.
    Dabei mag ich die SAS sehr gerne, beschäftige mich allgemein mit Schriften – früher Kalligrafie im Leistungskurs Kunst und jetzt gerade schreibe ich meine Masterarbeit zu dem Thema. Ich würde es auch sehr schön finden, wenn sich alle SuS an die Regeln der SAS halten und alle Buchstabenverbindungen richtig zu Papier bringen würden. Nur ist das komplett unrealistisch und unwichtig!
    Ich kenne niemanden in meinem Alter, der (viel) mit der Hand schreibt. Einige haben seit Jahren nur ihre Unterschrift per Hand geschrieben. Die anderen schreiben sich Einkaufszettel oder Notizen in der Uni. Das meiste Handgeschriebene ist nur für uns selbst. Für alles andere nutzen wir Tastaturen: Computer, Laptop, Handy, digitale Geräte wie Navi, Ticketautomat usw.
    Und wenn meine Generation etwas mit der Hand schreibt, dann ist es ein Mix aus Druck- und Schreibschrift. In der Oberschule (ab 7. Klasse) war es „uncool“ Schreibschrift zu schreiben und jeder hat eine eigene Schrift entwickelt (vor allem das „geschwungene“ war modern). Genauso beobachte ich es bei meinen Grundschülern jetzt. Deshalb macht die Grundschrift das, was meiner Meinung nach sowieso passiert.
    Wie gesagt: ich würde es wunderschön finden, wenn meine Schüler der SAS treu bleiben, aber ich werde sie nicht dazu zwingen.

    Provokante Frage: Wieso ist dieser Blog nicht in Handschrift verfasst?
    Weil wir Texte, die andere lesen sollen, in den aller meisten Fällen abtippen: E-Mails (niemand schreib Briefe mit der Hand), Briefe an Behörden/Bewerbungsschreiben, SMS, Chats, Blogs, Posts auf fb/twitter/insta usw. Hier sind Schule und Realität wieder so weit voneinander entfernt! Längere Texte müssen mit der Hand nur noch in bzw. für die Schule geschrieben werden. An der Uni dann gibt niemand seine Hausarbeit oder Abschlussarbeit handschriftlich ab (das ist nicht einmal erlaubt).
    Und wenn man dann doch mal ausnahmsweise etwas schreibt, das jemand anderes lesen soll, dann gibt man sich eben Mühe beim Schreiben. Und bei diesem „Schönschreiben“ kann man dann verschiedene Schrifttypen mit unterschiedlichen Buchstabenverbindungen (oder keine) verwenden, solange die Grundform der Buchstaben erkennbar ist.

    • Vor welch einem Stress machenden Problem ein Schüler steht, der die gerade mühselig nachgemalten Einzelbuchstaben nun auch noch nach eigenem Belieben selber verbinden darf, ja geradezu SOLL, wird einem schreibkundigen Erwachsenen vielleicht klar, wenn er sich mit so einem Ansinnen mal einer Schrift zuwendet, die für ihn selbst ein “böhmisches Dorf” darstellt: Vielleicht Arabisch, Chinesisch oder (falls in der Schule nicht gelernt) Kyrillisch. …
      Von Schülern, die durchweg die SAS gelernt haben, hat AUCH jeder eine andere Schrift entwickelt. Es ist normal. Gehen Sie in einen Kalligrafiekurs und üben Sie ein Wochenende lang die Uncialis – Sie werden am Ende sehen: Alle haben die Uncialis geschrieben – bei jedem sieht sie etwas anders aus – jedoch nicht in den Grundformen. Das ist das Entscheidende.

      Zum Thema: handschriftliche Abschlussarbeit an der Uni verboten: Das war es schon vor 30 Jahren, als die Schreibmaschinen noch unter Studenten ausgeliehen wurden, wenn man nicht sogar schreiben l i e ß (Abtippen des eigenen Handgeschriebenen). Welcher Prof soll denn tausende Handschriftseiten 50-seitiger Abschlussarbeiten lesen und bewerten? Diese Tatsache beweist absolut nichts. Nicht verboten sondern sogar erwünscht sind heute wie damals von einzelnen Unternehmen handgeschriebene Lebensläufe. Warum? Die Handschrift zeigt ein Stück Persönlichkeit und sagt manchem mehr, als Zensuren oder Beurteilungen bzw. hat das Potenzial, diese zu relativieren.

      Der flüssig geschriebene und gut lesbare “Mix aus Druck- und Schreibschrift” ist übrigens ein Verdienst der Schulausgangsschrift, die acht Jahre lang interdisziplinär entwickelt und vor ihrer landesweiten Einführung in ausgewählten Schulklassen (in Leipzig und Dresden) erprobt (UND AUSGWERTET!) wurde. Sie wurde eingeführt, W E I L in den Testklassen schon nach nur drei Monaten schnelleres Erlernen erkennbar war. Und nach einem Schuljahr hatte man den Beweis, dass diese schnell(er) erlernbare Schrift zu einer verbesserten Orthografie führten. Hieraus lässt sich nun unschwer ableiten, dass ein relativ zügig gelernter, automatischer Schreibablauf im Ergebnis nicht nur selber und von anderen lesbar ist, sondern dem Schüler gute Möglichkeiten zur eigenen Fehlerkontrolle ließ. Wenn man dies weiß – und davon möchte man bei Lehrkräften und anderen Verantwortlichen ausgehen, ist es unverständlich, mit welchem Selbstverständnis die SAS jetzt aufgegeben wird oder nach Belieben zur Verfügung steht.

  3. Ich verstehe Ihren Kommentar nicht. Sie müssen ihre Schüler doch nicht zwingen, bringen sie ihnen die Schrift, die ihnen selbst auch so viel Freude bereitet, doch einfach bei – mit Spaß und Hingabe. Dann wird alles gut!
    Dass man im Blog nicht mit der Hand schreibt – wie lange wird das noch sein?! Ich kenne Tablets, in denen sie bereits jetzt mit der Hand schreiben.

  4. Sie selbst haben, so versteh ich Sie, grundständig SAS gelernt. Jetzt schreiben Sie diese Ausgangsschrift nicht mehr. Wieso sollten Sie auch? Sie sind ja keine Schreibanfängerin, sondern haben eine aus der SAS über lange Jahre abgeleitete persönliche Handschrift. Zusammen mit Ihrem Interesse an der Schrift ergibt das gute Voraussetzungen, eines Tages Schreibexpertin zu werden. Dazu fehlen noch Wissen und Erfahrung, wie Kinder unter Ihrer Obhut ebenfalls lernen können, die SAS geläufig zu schreiben.
    Im Beruf sind Sie noch Anfängerin. Und für Ihren künftigen Schriftunterricht haben Sie wahrscheinlich keine Ausbildung bekommen. Wenn Sie nun, verführt durch die unrealistischen Verheißungen der Grundschriftlobby, ihren Schulkindern die Ausbildung der Hand vorenthalten, die sie selbst genossen haben, wäre das verhängnisvoll. Sie meinen sicher, damit fortschrittlich und kinderfreundlich zu sein. Ich meine, dass das vor allem bequem und kurzsichtig wäre und ein Machtmissbrauch aus Ahnungslosigkeit, motiviert durch Gutgläubigkeit gegenüber einem Verband, dessen Führung sich ideologisch verrannt hat.
    Ich wünsche Ihnen einen ideologiefreien Beginn im Beruf. Dazu offene Augen, um in Ihrem Schulalltag eigene Beobachtungen zu machen.
    Und den Mut, sie selbstständig zu durchdenken.

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