Handschrift ganz oben

Man braucht keine Handschrift mehr? Wer erfolgreich ist, tippt nur noch?

Ein großes Foto in der Südd. Zeitung vom 14. März 2012 beweist das Gegenteil. Da sieht man links und rechts die Finger eines Mannes. Sie halten ein Blatt Papier mit Schrift, manche Wörter gelb markiert. Das Papier ist Teil eines wirklichen Manuskripts, geschrieben mit der Hand (lateinisch manu) in einer selbstbewussten, gut lesbaren Handschrift. Dass die  Fingernägel erstaunlich kurz gefeilt sind, ist in unserem kleinen Bildausschnitt nicht zu sehen, aber man erkennt  in den wenigen, abgeschnittenen Zeilen eine eindeutige und zugleich persönliche Handschrift. Sie ist eindeutig, weil ihre Buchstaben denen einer Ausgangsschrift so ähnlich sind, dass wir sie sofort erkennen. Jedenfalls im Zusammenhang eines Wortes erkennen wir sie. Die Wörter erhellen sich ja auch gegenseitig, weil sie in denselben Kontext gehören. Wo von Risiken und Krisenländern die Rede ist, sind auch verminderte Qualität und Wertpapierkäufe zu erwarten und kann man, wiewohl nicht vom Fach, das abgekürzte Refinanzierungsvolumen erschließen.

Mit diesem Manuskript in der Hand hat im Festsaal der Bundesbank ihr Präsident die Jahresbilanz präsentiert. „In einer für Notenbanker ungewohnten Vehemenz kritisiert Weidmann die Hilfe der Europäischen Zentralbank (EZB) für marode Euro-Staaten.“ So heißt es am Tag darauf in der Südd. Zeitung. Und illustriert ist das mit dem Bild des Manuskripts des Präsidenten, das mehr Raum einnimmt als der Text des Artikels mit seinen rund 800 Wörtern. Man ahnt auf einen Blick, was der Text vergleichsweise umständlich andeutet, wenn er erklärt. „Weidmann schöpft sein Sendungsbewusstsein aus der Tradition  der Bundesbank, aus der Analysekraft einer äußerst selbstbewussten Belegschaft.“ Die Handschrift seines Manuskripts ist entschieden und glaubwürdig. Seine Gedanken brauchen keine glatte Maske aus gedruckter Fremdschrift.

Jetzt möchte ich gerne wissen, wie der kleine Jens Weidmann angefangen hat mit dem Schreiben. Hat seine erste Lehrerin mit Vorbild, Erklärungen, Geduld und Strenge ihm geholfen, sich eine kindliche Schrift zu erarbeiten, die mit ihm erwachsen werden konnte? Die uns heute schön und klar vor Augen führt: Da weiß jemand ganz genau, was er sagen will.

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