Schreibenlernen ist kein autodidaktischer Prozess

Denn das Erlernen einer flüssigen Schreibschrift zählt zu den Fundamenten des Lernens. Und zu unserer Schriftkultur – gerade im Zeitalter des Tippens.

(Dieser Beitrag erschien, leicht geändert, zuerst im Magazin der Lernplattform scoyo – als Dialog zwischen den Elternflüsterern Béa Beste und Christian Füller. Handschriftlich bedankt sich.) 

Von Christian Füller

Es war nur eine beiläufige Bemerkung. Kein Hauptsatz, kein Ausrufezeichen dahinter, kein Aufhebens wurde darum gemacht. Viele haben es vielleicht gar nicht gehört, was Lena-Sophie Müller da sagte: Wenn sie das immer höre, was man alles verliere, wenn die Computer in die Schulen kommen – die Schreibschrift etwa. Frau Müller sagte nicht, „ja, dann ist sie halt weg, die Schreibschrift“. Aber es breitete sich wie etwas Unausgesprochenes aus. Und niemand widersprach.

Ich fand das so schlimm, weil die Geschäftsführerin der Initiative D21 ja nicht irgendwo sprach, sondern im Paul-Löbe-Haus des Bundestages. Es war nicht der Plenarsaal, sondern eines der mächtigen Nebengebäude. Trotzdem bleibt es das deutsche Parlament, in dem mal so eben nonchalant die Schreibschrift zur Disposition gestellt wird. Ist das nicht verrückt: Seit Tausenden von Jahren tauschen sich die Menschen via Schrift aus, es ist das Distinktionsmerkmal ihrer Kultur. Es wurden Schulen erfunden, um den Menschen das Schreiben beizubringen. Und dann sagt jemand larmoyant im Bundestag, „wenn ich das schon höre, was wir alles verlieren!“

Geplapper von D21

Es ist ja nicht nur das Geplapper von Lena-Sophie Müller. Es ist die Praxis, die uns aufhorchen lässt. Ein Teil der Schüler beherrscht die Schreibschrift nicht mehr so sicher, dass sie lesbare Texte produzieren könnten – vor allem vollständige Texte. Bei längeren Schreibaufgaben geht den Schülern die Puste aus. Das hat eine Umfrage des Deutschen Lehrerverbandes unter 2.000 Pädagogen aus ganz Deutschland bestätigt. 90 Prozent der Lehrer von weiterführenden Schulen finden, dass ihre Schüler nicht mehr leserlich schreiben können. 70 Prozent der Lehrer geben an, dass die Kinder grundsätzlich zu langsam schreiben. Besonders problematisch erscheint, dass nur vier von zehn Schülern in der Lage sind, mehr als eine halbe Stunde lang konzentriert und lesbar zu schreiben. Wenn mehr als die Hälfte der Klasse nicht mithalten kann, werden längere Texte damit praktisch zum Tabu. Hält diese Entwicklung an, so wäre das das Ende nicht nur des anspruchsvollen Deutschunterrichts.

Meine Co-Kolumnistin bei Scoyo Bea Beste will das Schreibenlernen frei geben, wie sie es nennt, und ich finde das falsch. So sympathisch und wichtig das freie Probieren und Begreifen für lernende Kinder ist. Das Erlernen der Schrift ist der fundamentalste aller Lernvorgänge – er findet angeleitet in der Schule statt. Und durch uns selbst. So entwickeln wir aus Anleitung plus Bewegung unsere „eigene Handschrift“. Dieser scheinbar so flüssige Schreibschwung, über den wir nicht mehr nachdenken, weil wir ihn längst automatisiert haben, er steckt voller komplexer Komponenten. Sie machen unsere Schrift aus – und auch uns als Person. Es geht – mehr noch als beim Lesen – um Literalität, also die Fähigkeit zur aktiven Teilhabe an der Schriftkultur. Zugleich steckt Handwerk und Ästhetik im Erlernen einer Schrift. Schreiben ist eine bedeutsame feinmotorische Bewegung. Selbst das vermaledeite Üben ist wichtiger Teil des Schreibenlernens. „Anmut sparet nicht noch Mühe“, dichtete Brecht, und ich kenne wenige Fertigkeiten, für die das gilt wie für die Schrift.

Kapitulation von Schule

Kurz gesagt: Dass sich Schulkinder das Schreiben selber beibringen sollen ist total gaga! Die Kapitulation von Schule. Eine – verzeih` Bea – ziemliche Verantwortungslosigkeit vor allem gegenüber Kindern, die nicht bei Architekten und Schulgründern aufwachsen.

Wir reden hier übrigens nicht von der Druckschrift. Damit sollen Kinder ab 3 Jahren anfangen zu experimentieren. Da bin ich bei Bea. Ich spreche von einer flüssigen, verbundenen und lesbaren Schreibschrift, die im Kern unsere Fähigkeit ausmacht, uns mitzuteilen. „Seine Handschrift“, sagt man, wenn jemand einer Disziplin seinen Stempel aufdrückt. Durch besondere, eigenwillige Könnerschaft.

„Gebt die Schrift frei“, deklamiert Bea, und ich sehe sie, wie sie auf die Barrikaden der Schreibrevolutionäre tritt. Und die Füller zerbricht. Gerade so, als sei das Schreiben ein Akt der Unterdrückung. Was für ein Missverständnis! Dürfen wir wirklich das Beispiel eines zum Schlagwerkzeug umfunktionierten Holzlineals, erlitten vor vielen Jahren in Rumänien, als Grund für die Abschaffung des Schreibunterrichts nehmen? Es stimmt, die Methoden des Schönschreiblernens, sie waren nicht immer vergnügungssteuerpflichtig. Aber, pardon, Kujonierung ist das nicht, heute schon gar nicht mehr. Im Gegenteil: Kinder feiern es als Eroberung, flüssig schreiben zu können.

Mit Könnern üben

Gebt die Schrift frei, das Klavierspiel, das Schwimmen, das Fallschirmspringen, man könnte die Aufzählung fortsetzen. Aber: Es gibt Fertigkeiten, da empfiehlt es, sich mit Könnern zu üben. Sie von einem guten Lehrer zu lernen. Ich erinnere meine Grundschullehrerin Frau Büchs fürs Schreiben, das Mathe-Erklär-Genie Herrn Miltner für Zahlen, einen Fußball-Trainer für den Hackentrick, meinen Großvater, der mich mit drei aufs Fahrrad setzte. Und und und. So ist es bei der verbundenen Schrift. Jeder findet seine individuelle Handschrift, aber er kann doch, bitte, nicht als Sechsjähriger die Schrift neu erfinden. Was muten wir unseren Kindern da zu! Schrift ist nicht nur persönlich, sie ist zur Verständigung so bedeutsam wie zur Gewinnung von Individualität. Schreiben ist Ich und Wir. Wir können also unser gemeinsames Zeichensystem nicht in Kinderhände übergeben. Es kann sich nicht jeder seine Schrift aussuchen. Kinder suchen sich auch ihre Muttersprache nicht aus. Das geht übrigens gerade dann nicht, wenn wir in einer digitalen Gesellschaft leben, in der man nicht mehr schreibt, sondern vor allem tippt.

Was passiert, wenn das kleinen Tippgerät ausfällt, und sei es noch so smart, kann man Jugendlichen besonders schön auf Campingplätzen anmerken: Sie sind verloren, entkoppelt, allein. Sie flippen aus – weil sie nicht mehr mitteilen können. 

Vom Fußball schreiben lernen

Was sollten die erreichen wollen, die für den Schrifterwerb von Kindern verantwortlich sind? Erreichen für die Kinder, die vor ihnen sitzen und unbeholfen mit dem Stift hantieren? Buben, deren Buchstaben so ungenau missraten, dass man die Bildchen neben ihren Wortversuchen braucht, um zu erraten, welche Buchstaben sie meinen? Jungen, denen das reicht? Nette Kerlchen, die Anstrengung und Übung für die Handschrift verweigern möchten? Danach wurde ich gefragt, als ich in einem Seminar für LehrerInnen der Grundschule erklärte, dass gründliche Übung. – „Frag Jogi Löw!“, entfuhr es mir. Verblüffte Stille, in der spürbar war, dass die fragenden Frauen sofort ahnten, was ich ihnen nun erklärte.

„Der Trainer beobachtet die Fußballer, schaut, was sie richtig und was sie falsch machen, was sie schon gut können und was noch nicht. Er weiß, was sie am Ende, wenn es ernst wird und sie ums Gewinnen spielen, können müssen, und zwar so sicher und selbstverständlich, dass sie nicht mehr darüber nachdenken, dass es automatisch kommt.

Er sagt ihnen,
was sie trainieren müssen,
weil es ihnen nicht geläufig ist,
weil es ihnen schwer fällt,
weil sie dazu keine Lust haben.

Das ist natürlich lästig, aber auch die besten Fußballer üben das, genau das, weil Jogi Löw sie nicht auslässt, bevor sie es können. Dann sind sie erschöpft, aber froh. Und bald läuft das wie von selbst und sie tun es gerne, weil es so gut läuft. So ähnlich ist es auch beim Schreibenlernen. Wenn man es so trainiert, kann man sich eines Tages der eigenen Schrift so sicher bedienen wie der eigenen Stimme und sich ganz auf den großen Zusammenhang konzentrieren, auf das große Spiel der Gedanken, die man zu Papier bringen will.“

So könnte man Kinder überzeugen und vielleicht auch beim Elternabend die Bubeneltern bewegen, Schönschreiben nicht nur für Mädchenkram zu halten, wenn sie doch auch anerkennen, dass Schönspiel im Fußball toll ist und entsprechendes Training voraussetzt. Alle Kinder in der Grundschule hätten lieber eine schöne und sichere, als eine unsichere und krakelige Handschrift, so lange sie noch nicht resigniert haben. Aber man muss ihnen die nötige Übung abverlangen, auch wenn man ihnen damit lästig ist.

Jetzt wären Schriftproben von Fußballern hilfreich, begleitet von Seufzern wie: „Das hab ich ordentlich üben müssen!“ „Ich hatte eine strenge Lehrerin.“ „So schön wie meine Lehrerin wollte ich auch schreiben können.“ Aber so direkt muss das Vorbild wohl auch nicht sein, wenn man erklärt bekommt, dass es beim Fußball wie beim Schreiben zu einem guten Teil auf bis zur Automatisierung trainierte motorische Abläufe ankommt.

Aber Lukas Podolski würde ich gerne in Dienst nehmen, um eine gute, sinnvolle Stifthaltung populär zu machen. Auf einem Zeitungsfoto war zu sehen, wie vorbildlich er seinen Füller hält, wenn er Autogramme gibt. Nachahmenswert!

Handschrift, die eigene Stimme (1)

Wir können den Kindern, die täglich zu uns in die Schule kommen, keinen großen Erfolg für ihr Leben versprechen. Viele, die im ersten Schuljahr voller Hoffnung vor uns sitzen, werden sich in einfachsten Lebensumständen bescheiden müssen, keine große Rolle spielen, nicht gehört werden, wenn über sie entschieden werden soll.

Trotzdem können sie eine eigene Stimme entwickeln, mit der sie von sich selbst, ihren Erfahrungen und Gedanken sprechen, mit eigener Hand auf Papier, auch später noch zeugend von Menschen, die schreibend sich ihrer selbst vergewissert haben.

Um so zu schreiben, braucht man Selbstvertrauen, Mut und eine Handschrift, die mühelos auf’s Papier fließt. Und damit alle Kinder, auch die verzagten und armseligen, so zu schreiben lernen, gibt es die Grundschule. Diesen Gedanken sollten wir über all unserer Kompetenzorientierung nicht aus Auge und Herz verlieren.
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Schnörkellos oder mit Schreibschrift

Schnörkellos ins Leben“ schrieb der Tagesspiegel am 1. Juli und fasst darunter Wichtiges zur Debatte über die richtige Lernschrift für Schulanfänger zusammen. Adelheid Müller-Lissner hat gründlicher recherchiert, als viele andere Journalisten bisher. Sie zitiert Guido Nottbusch (Professor in Potsdam), der meint, es würde die meisten Kinder nicht motorisch überfordern, Druckschrift und nachfolgend Schreibschrift zu lernen. Sie zitiert Ursula Bredel (Professorin in Hildesheim), die anführt:

„… die verbundene Schrift erlaubt es den Kindern, schreibmotorische Bewegungen auszuführen, die sprachlich bedeutsamen Einheiten entsprechen.“

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Schreibschrift ohne Versuchskaninchen

An vielen Schulen lernen Kinder keine Schreibschrift mehr! Die Welt am Sonntag stimmt heute in den Chor der Medien ein, die das beklagen. Matthias Heine hat auf einer ganzen Seite nicht nur die gängigen Vorurteile aufgelesen und ins übliche Einerseits-Andrerseits-Schema geordnet. Er hat neu recherchiert, von aktuellen Erkenntnissen in der New York Times berichtet und mit Ursula Bredel eine Professorin zu Wort kommen lassen, deren Skepsis gegenüber dem Grundschrift-Konzept bisher von den Medien weitgehend übergangen wurde. Weiterlesen

Analphabetismus fängt früh an

Adrian sollte zu einer Bilderreihe einen eigenen kleinen Text schreiben. Er wollte das auch und ging stracks an die Arbeit, genau wie die anderen Kinder seiner Klasse. Im letzten Drittel ihres ersten Schuljahres kannten sie alle Buchstaben in Druckschrift und waren es gewohnt, Geschichten zu schreiben. So nannten sie das. Meine Praktikums-Studentinnen verteilten sich, um die Kinder zu beobachten. Adrian erlaubte mir, mich direkt neben ihn zu setzen und ihm genau auf die Finger zu schauen. Weiterlesen

Grundschrift schadet

„Der Grundschulverband schlägt vor, auf den Erwerb einer verbundenen Ausgangsschrift zu verzichten und rät zur Verwendung der Grundschrift, die es den Kindern erlaubt, Buchstabenformen und -kombinationen möglichst individuell zu gestalten. Dieser Vorschlag ist von der Forschung bislang nicht gedeckt. Und bisherige Untersuchungen zum Handschreiberwerb (exemplarisch Hasert 1998, Nottbusch 2008) geben Anlass zur Skepsis: Beim Handschreiberwerb bilden sich graphomotorische Bewegungsabläufe heraus, die systematisch über den Einzelbuchstaben hinausweisen.“ Aus einem Gutachten der Sprachwissenschaftlerin Ursula Bredel vor dem Landtag in NRW, abzurufen ist es hier

Und darum kann man sagen, die Grundschrift schade den Kindern? Ursula Bredel sagt das ja nicht so direkt. Sie äußert Skepsis gegenüber dem Verzicht auf eine verbundene Ausgangsschrift. Man kann diese Skepsis aber getrost in die folgende Warnung übersetzen: Wenn der Anfangsunterricht nicht dafür sorgt, dass die Kinder sich eine echte Schreibschrift aneignen, dann entgeht ihnen ein wesentlicher Vorteil der Schreibschrift, nämlich die Ausbildung von Bewegungsabläufen, in denen die Buchstaben häufig richtig geschriebener Silben oder Morpheme einander fließend und „wie von selbst“ folgen. Eine Quelle von Rechtschreibsicherheit, aus der wir schöpfen, wenn wir schreibend dem Gedächtnis unserer Hand vertrauen.

Das Problem ist die Vereinfachte Ausgangsschrift

Denn sie bereitet Kindern Lernschwierigkeiten. Eingeführt hat sie: Der Grundschulverband

In meinen ersten Jahren als Grundschullehrerin habe ich viel auf das gegeben, was mir im Studium begegnet ist. Ich hatte ja nichts anderes. Für den Schriftspracherwerb war das die damals noch neue Vereinfachte Ausgangsschrift (VA). Meine Hochschullehrer an der Universität Siegen, Hans Brügelmann und Erika Brinkmann, waren entschiedene VA-Befürworter. Sie wussten deren zahlreiche Vorteile überzeugend darzustellen. Ich glaubte ihnen. Weiterlesen

„… die Gedanken fliegen lassen“

Die in 37 Sprachen verlegte Schriftstellerin Cornelia Funke über die Bedeutung der Handschrift.

Frau Funke, wie sollten Kinder und Jugendliche Ihrer Meinung nach längere Texte schreiben?

Ich rate Kindern und Jugendlichen, die schreiben wollen immer, die erste Fassung eines Textes in Schreibschrift zu schreiben. Ich mache das bei meinen Büchern auch so.“

Was bedeuten für Sie und Ihre Arbeit Druckschrift und Schreibschrift? Weiterlesen

„Kinder können sich das Schreiben nicht selbst beibringen“

Eine neue einfache Schrift soll die bisherige Druckschrift und die Schreibschrift ersetzen. Die ersten Bundesländer beginnen bereits, diese Grundschrift einzuführen. Die Schreiblehrerin Ute Andresen ist entschieden gegen das Reformprojekt, weil es das Kulturgut Handschrift gefährdet – und Kindern elementare Lernprozesse vorenthält

Siehe dazu auch FAS über Abschaffung der Schreibschrift; und wieso Cornelia Funke, ihre Manuskripte erst mit der Hand schreibt.

Frau Andresen, an einigen Schulen in Deutschland erlernen Kinder eine neue, einfachere Schrift, die so genannte Grundschrift. Sie sind vehement dagegen. Warum?

Ute Andresen: Weil man uns vormacht, Kinder könnten sich die Grundschrift quasi allein beibringen. Und weil diese Schrift ein missratener Zwitter aus Druck- und Schreibschrift ist.

Es gäbe dann also nur noch eine Schrift, die Schulkinder lernen?

Was auf den ersten Blick wie eine Vereinfachung aussieht, hat in Wahrheit große Nachteile. Erstens erwerben Kinder so keine sichere Handschrift. Das wäre ein großer Verlust. Zweitens wissen wir nicht, was aus einer solchen Schrift im Laufe der Zeit eigentlich wird. Das bedeutet, ein unausgegorenes Reformprojekt setzt leichtfertig eine Kulturtechnik aufs Spiel – die Fähigkeit, eine allen gemeinsame lesbare Schrift zu schreiben. Weiterlesen